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Aus dem Buch:
“Einleitung
Meine ersten Erinnerungen an eine Fahrt auf dem Teslin beginnen mit dem Einsetzen an der Alaska Highway-Brücke bei Johnson’s Crossing. Meine Finger waren klebrig von Ellen Davignon’s Spezialität: Zimtgebäck. Ich erinnere mich auch an den Abend, als wir im Dunklen einen ziemlich ungünstigen Lagerplatz gefunden haben, einen Platz, der jetzt „Sun Rise Creek“ [„Bach des Sonnenaufganges“] genannt wird. Der Morgen darauf begrüßte uns mit einem nebligen Sonnenaufgang, welches uns natürlich dazu veranlaßte, den Platz so zu benennen. Auf diesem ersten sonnigen Morgen sollten mehrere folgen. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, ist mir diese erste Fahrt auf dem Teslin als eines der schönsten Abenteuer, die ich je erlebt habe, in Erinnerung geblieben.
Ich würde diesen Fluß als „freundlich“ bezeichnen. Es ist mir bewußt, daß dies sehr wenig über technische Details aussagt. Es ist aber ein Anfang und, meiner Meinung nach, eine sehr passende Beschreibung.
Seit dieser ersten, erinnerungswerten Fahrt, habe ich viele Fahrten auf dem Teslin unternommen, auch einige mit dem Motorboot, von Hootalinqua aus, flußaufwärts. Jede der Fahrten haben den Wunsch geweckt, umzukehren und die Strecke nochmal zu fahren. Die Zeit, die wir hatten, schien nie lange genug zu sein, um sowohl den Teslin als auch seine faszinierenden Nebenflüsse wie Boswell, Swift River und Mary River genauer zu erforschen.
Meine Frau Irene und ich haben viele Jahre andere Leute für eine Fahrt auf dem Teslin ausgerüstet und beraten. Jedes Mal verspürten wir etwas Neid, wenn wir eine Gruppe von Kanuten in die Strömung des Teslin-Flußes schoben und zusahen, wie sie elegant (manche weniger elegant) davonpaddelten, um ihr eigenes Abenteuer auf dem Fluß zu erleben.
In diesem Buch werde ich versuchen, Dir einige von unseren persönlichen Eindrücken zu vermitteln und eine Vorstellung davon zu geben, was unterwegs zu erwarten sein wird. Ich habe auch einiges zur Geschichte der frühen Siedler, die an den Flußufern lebten und den Teslin auf gleiche Art benutzten, wie Du und ich heutzutage eine Straße oder Autobahn befahren würden, aufgegriffen.
Stell Dir mal vor Du hättest die gleiche Fahrt vor hundert Jahren mit der schweren und sehr primitiven Ausrüstung von damals, zumindest in Vergleich mit dem heutigen Standard, unternommen. Vergiß dabei nicht, daß viele der frühen Siedler vom Yukon aus in den Teslin bei Hootalinqua gelangten und ohne jegliche Hilfe der modernen Bequemlichkeiten, wie ein Außenbordmotor, sich stromaufwärts kämpften.
Viele von ihnen besaßen kein eigenes Boot und waren daher auf die kleinen Wasserfahrzeuge der Handelsgesellschaften angewiesen. Diese Boote fuhren jeden Sommer mehrmals vorbei. Nach einigen Jahren konnte die Besatzung eines Fahrzeuges die Wünsche der einzelnen Personen beinahe voraussehen und brachte die notwendigen Waren, egal ob sie bestellt worden waren oder nicht. Sie tauschten die Pelze ein, die sie während des Winters erworben hatten, lieferten die Post und brachten eine große Ladung alter Zeitungen und anderes zum Lesen während des langen Winters.
Die Siedler konnten ihren jährlichen Besuch in die Zivilisation anhand des Fahrplanes des Bootes planen. Man konnte damit rechnen, daß das Boot zweimal pro Jahr vorbeikam. Die für den Frühling notwendigen Vorräte, vielleicht durch einen Nachbarn im Winter bestellt oder bei der Winterpatroulle der N.W.M. Police, wurden während der Frühlingsfahrt geliefert. Die für die Wintermonate not-wendigen Sachen kamen im späten Herbst.
Während des Winters benutzten die Siedler am Fluß Landwege, um andere Leute in der Gegend zu besuchen. Sie besaßen ein Hundegespann und einen Schlitten, manche einfach einen oder zwei Hunde, auf deren Rücken das Gepäck verteilt wurde.
Während der langen, dunklen und kalten Monate unternahm die North West Mounted Police, später bekannt als the Royal Canadian Mounted Police, was sie eine „Routinepatrouille“ auf dem Fluß nannte. Sie diente sowohl als Postbote als auch medizinische Versorgungsfahrt. Diese Fahrten wurden aber alles andere als routinemäßig durchgeführt.
Im Gegensatz zu einem in vergangenen Zeiten am Fluß lebenden Siedler, für den eine Fahrt flußabwärts eine sehr schwierige und lange Rückreise bedeutete, hast Du den beneidenswerten Vorteil, daß Du Dich die ganze Strecke treiben und den Fluß den größten Teil der Arbeit machen lassen kannst, ohne daran denken zu müssen, wie Du zurückkommst.
Historisch betrachtet unterscheiden sich der Teslin River und der Yukon River erheblich voneinander. Die Geschichte des Yukon River ist stark von den Schaufelraddampfern geprägt. Das Yukon-Territorium war wahrscheinlich der letzte Teil des Landes, in welchem diese Fahrzeuge noch in den 50:er Jahren benutzt wurden, eine Zeit, in der sie anderswo schon längst aus der Verkehr gezogen und von feineren Maschinen ersetzt worden waren. Daher beschäftigen sich die vorhandenen geschichtlichen Quellen des Yukon River hauptsächlich mit dem Leben an Bord dieser tobenden, qualmenden und leckenden Boote, die den meisten Siedlern im weiten Norden die Jahreszeiten markierten.
So verhält es sich mit der Geschichte des Teslin River nicht. Sie ist geprägt von individuellen Leistungen, die nur sporadisch von den Schaufelraddampfern unterstützt wurden.
Die meisten Siedler am Yukon River konnten ihren Aufenthalt verdienen, indem sie Brennstoff für die Schaufelraddampfer besorgten. Die Siedler am Teslin River dagegen, waren von Einkommensquellen wie die Pelzjagd, Pelzzucht und natürlich vom Goldwaschen abhängig, mit dem viele der Siedler während der langen Sommertage beschäftigt waren.
Die Goldfelder von Livingstone waren über den Teslin River zugänglich. Sie wurden aber zur gleichen Zeit entdeckt, als das ganze Land, wenn nicht die ganze Welt, sich für die Klondikefunde begeisterte. Alle Blicke waren auf Dawson City, mehrere hundert Meilen flußabwärts, gerichtet. Der Teslin erlebte daher nie die maßlose Invasion von Goldsuchern, welches um die Jahrhundertwende im Yukon der Fall war.
Als Resultat davon scheint eine Fahrt auf dem Teslin River, zumindest meiner Meinung nach, eine intimere Verbindung zur Wildnis und den um die Jahrhundertwende auf bzw. am Fluß arbeitenden und lebenden Menschen, bieten zu können. Es ist sehr schade, daß nur wenige von ihnen sich die Zeit genommen haben, ihre Erfahrungen niederzuschreiben.
Dieser Flußführer beschreibt die komplette Strecke des Flußes von Johnson’s Crossing bis Hootalinqua, wo er in den Yukon River einmündet. Bei Hootalinqua gibt es die Wahlmöglichkeit, den Yukon River flußaufwärts, in die „Thirty Mile“-Strecke zu fahren. Dies ist natürlich für diejenigen, die mit Kanu unterwegs sind, nicht möglich, da die Wahl des Endpunktes von der Strömungsrichtung abhängt.
Die Strecke auf dem Yukon River, von Hootalinqua bis Carmacks, ist im Flußführer „Der Yukon River - Whitehorse bis Dawson City“ beschrieben. |