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 Nisutlin River
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Der Nisutlin River

Kanuführer vom kanadischen Autor

Gus Karpes, 1995.

A5-Format, 35 S., Karten.

Gewicht: 72 g; Einband: weich, klammergebunden.

Deutsche Übersetzung: Liselott Allgeyer

EUR 7,90 (inkl. 7% MwSt.)

Aus dem Buch:

BLIND MAN’S BLUFF

[Klippe des Blinden – Anspielung auf „Blind man’s buff“; „Blindekuh“ ]

Vor einigen Jahren nahm ein älteres Paar, das an der Ostküste lebte und trotz seines Alters rüstig und flink war, mit uns Kontakt auf. Sie hatten den Fluß selbst ausgesucht und den größten Teil der Vorbereitungen in eigene Hand genommen. Wir wurden damit beauftragt, die restlichen Arrangements vor Ort zu erledigen, wie z.B. Hotelzimmer buchen, Transport nach Teslin organisieren, ein Wasserflugzeug buchen u.s.w.. Wir sollten sie auch nach der Flußfahrt in Teslin wieder abholen.

Nach mehreren Ferngesprächen und zahlreichen Briefen ist unsere Beziehung zu diesem Paar recht persönlich geworden. Wir haben sie bei ihrer Ankunft am Flughafen abgeholt und sie zum Hotel gefahren. Am nächsten Tag haben wir sie, samt Ausrüstung, nach Teslin transportiert. In der ganzen Zeit, als sich meine Frau Irene um das Paar persönlich gekümmert hatte, hat es sich normal benommen. Im Nachhinein betrachtet, kamen die Beiden aber ziemlich anschmiegsam vor, was wir einfach als liebevolle Zuneigung auffaßten.

Als wir sie in Teslin abholen wollten, erschienen sie nicht. Obwohl wir uns beim langen Warten vor Unruhe die Fingernägel abknabberten und uns große Sorgen machten, haben wir uns dafür entschlossen, eine Suchaktion erst nach 24 Stunden Verspätung einzuleiten. Eine solche Verspätung wäre im Prinzip nichts Besonderes, da die letzte Etappe der Route ein langes, manchmal tückisches Gewässer ist. Wir hatten den Leuten nachdrücklich davon abgeraten, das Schicksal herauszufordern, und das offene Gewässer bei starkem Wind zu überqueren, nur um den ausgemachten Termin einzuhalten.

Die 24 Stunden gingen zu Ende, und der Flugdienst in Teslin wurde beauftragt, das Gelände am Wolf River [wo sich die Ereignisse zugertagen haben; Wolf River mündet in den Nisutlin] zu überfliegen. Zwei Leute mit Kanu, die ein Notsignal am Ufer eingerichtet hatten, wurden in der Nähe der Quelle des Flußes entdeckt. Sie wurden per Hubschrauber herausgeholt und nach Village of Teslin geflogen. Unser Kanu nicht. Die Beiden traten recht nonchalant auf und meinten nur, sie hätten ihre Fähigkeiten, die Fahrt durchzuführen unterschätzt und wären einfach ausgestiegen, als ihnen dies klar wurde. Sie hatten eine Woche Wildniscamping genossen, während sie auf Rettung warteten. Sie bezahlten ihre Rechnungen, bedankten sich fast übermäßig bei allen für ihre Hilfe und stiegen in unser Auto ein, um nach Whitehorse gefahren zu werden.

Nach mehreren Meilen von peinlicher Stille, die nur von leerem Geschwätz und small talk unterbrochen wurde, gestanden die beiden Leute, wo das Problem bei der Flußfahrt gelegen hatte. Einer der beiden war blind! Der Mann war seit dem Zweiten Weltkrieg blind!

Sie waren erfahrene Kanuten und liebten das Outdoorleben. Sie suchten meistens abgelegene Reiseziele aus und versuchten die Behinderung zu verbergen, weil sie fürchteten, daß man ihnen die Reise eventuell deswegen verweigern würde. Sie waren offensichtlich Experten darin, die Blindheit zu verbergen, denn weder Irene, das Hotel- und Restaurantpersonal, der Pilot noch sonst jemand, der bei der Rettungsaktion dabei war, hatte es gemerkt.

Die Frau kontrollierte das Kanu vom Heck aus und lenkte das Paddeln ihres Mannes, der vorne saß, in dem sie ihm verbale Anweisungen gab. Sie hatten eingesehen, daß sie nicht im Stande gewesen wären, die Schwierigkeiten in Verbindung mit den Stromschnellen und den Portagen im oberen Teil des Flußes zu bewältigen. Daher haben sie sich einfach entschlossen, eine Woche Camping zu genießen.

Eines der Lieblingsbeschäftigungen des Mannes war, in der Wildnis zu wandern. Um dies machen zu können, war er mit einem Eishockeyhelm, Knie- und Schienenbeinschutz und mehreren Stöcken für Auslegeboote ausgerüstet.

Wir haben den Kontakt zu diesem lebhaften Paar über die Jahre gehalten. Außer, daß sie ihren Outdooraktivitäten regelmäßig nachgehen, sind sie auch erstklassige Rollschuhfahrer. Sie sind sehr inspirierend und ein gutes Vorbild für andere Paare, die mit irgendeiner Art von Behinderung zu kämpfen haben.“

Gus Karpes

© Copyright 2013 by L. Allgeyer Verlag